Hohe Zertifizierungsquote, fehlende Verbindlichkeit
Pressemitteilung
Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt untersuchte, welche Tierschutzanforderungen die acht umsatzstärksten Supermärkte und Discounter an Aquakulturprodukte stellen und wie sichtbar sie diese im Regal umsetzen. 96 % der untersuchten Eigenmarkenprodukte sind erkennbar zertifiziert. Doch keines der Unternehmen sichert diesen Stand umfassend durch eine verbindliche Aquakultur-Einkaufsrichtlinie ab.
- 96 % der 314 untersuchten Eigenmarkenprodukte waren auf der Verpackung erkennbar zertifiziert.
- Keines der acht untersuchten Unternehmen erfüllt alle Anforderungen an eine umfassende und verbindliche Aquakultur-Einkaufsrichlinie.
- Die Albert Schweitzer Stiftung fordert eine 100 % Zertifizierung des gesamten Aquakultursortiments bis 2030, jährliche öffentliche Berichte und den Ausschluss von Oktopussen und anderen Kopffüßern aus Aquakultur.
Vor dem Hintergrund des wachsenden Aquakulturmarktes hat die Albert Schweitzer Stiftung erstmals systematisch analysiert, wie die Händler Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto Marken-Discount, Penny und Rewe Tierschutzanforderungen für Aquakulturprodukte öffentlich festschreiben und im Eigenmarkensortiment realisieren. Für den Report wurden öffentlich zugängliche Unternehmensinformationen ausgewertet und mit 314 Produktstichproben aus Filialen abgeglichen. Als Maßstab dienten die Zertifizierungen ASC, GGN, Naturland und EU-Bio – diese decken die grundlegenden Tierschutzanforderungen der von der Stiftung initiierten Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) ab. Die Empfehlungen umfassen zentrale Tierschutzbereiche wie Wasserqualität, Fütterung, Handling, Transport sowie Betäubung und Schlachtung.
„Der Handel zeigt mit seinen Eigenmarken selbst, dass zertifizierte Aquakulturware in großem Umfang umsetzbar ist. Jetzt kommt es darauf an, diesen Stand dauerhaft abzusichern und auf das gesamte Sortiment auszuweiten“, sagt Esther Erhorn, Leiterin Lebensmittel-Fortschritt bei der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt. „Was heute bei fast allen untersuchten Produkten im Regal funktioniert, sollte verbindlicher Standard werden – einschließlich Aktionsware und Markenprodukten.“
Genau hier liegt die zentrale Lücke: Die öffentlichen Einkaufsrichtlinien halten mit diesem hohen Zertifizierungsstand nicht Schritt. Häufig fehlen verbindliche Zusagen, konkrete Fristen und klare Angaben dazu, welche Sortimentsbereiche und Tierarten erfasst sind. Besonders Markenprodukte und Aktionsware bleiben bislang häufig außen vor.
Hohe Zertifizierungsquoten, aber Lücken in den Einkaufsrichtlinien
Für die Produktstichprobe wurden bei jedem Händler mindestens zwei große Filialen in verschiedenen Regionen Deutschlands besucht. Die Stichprobe konzentrierte sich auf Eigenmarken, weil Händler auf deren Produktionsstandards besonders direkten und weitreichenden Einfluss haben. Erfasst wurden die dort vorgefundenen Aquakulturprodukte aus Kühlung, Tiefkühlung, Konserven und Aktionsware. Entscheidend war die klare Kennzeichnung auf der Verpackung mit ASC, GGN, Naturland oder EU-Bio.
Die Produktstichprobe bildet einen Ausschnitt der Sortimente ab: Rewe erreicht als einziges Unternehmen 100 % bei den direkt auf dem Produkt erkennbar zertifizierten Eigenmarkenprodukten, Edeka liegt mit 90 % am unteren Ende der Stichprobe. Dazwischen folgen Aldi Nord und Kaufland mit jeweils 98 %, Lidl und Penny mit 97 %, Aldi Süd mit 96 % und Netto Marken-Discount mit 93 %.
Größer als die Unterschiede im Regal sind die Lücken in den öffentlichen Einkaufsrichtlinien. Keines der acht Unternehmen erfüllt alle Anforderungen des Reports an eine umfassende und verbindliche Aquakultur-Einkaufsrichtlinie. Selbst bei Rewe als Spitzenreiter der Stichprobe bleibt die öffentliche Policy lückenhaft: Aktionsware und Markenprodukte sind nicht vollständig einbezogen, die erfassten Tierarten werden nicht konkret benannt und der erreichte Zertifizierungsstand wird nicht verbindlich für die Zukunft zugesichert.
„Eine gute Einkaufsrichtlinie ist konkret und verbindlich: Sie legt klar fest, für welche Produkte sie gilt und welche Ziele ein Unternehmen bis wann erreichen will“, sagt Esther Erhorn. „Wenn Händler bei ihren Eigenmarken bereits Zertifizierungsquoten von 90 bis 100 % erreichen, ist die verbindliche Absicherung dieses Niveaus der nächste logische Schritt.“
Keines der Unternehmen stellt bislang vollständige Zertifizierungsanforderungen an die angebotenen Markenprodukte; Aktionsware bleibt in den Einkaufsrichtlinien ebenfalls häufig außen vor. Hinzu kommen unklare oder unverbindliche Formulierungen. Manche Händler sprechen pauschal von „allen Produkten aus Aquakultur“ oder von „Fisch und Meeresfrüchten“, ohne konkret zu benennen, welche Tierarten und Sortimentsbereiche darunter fallen. Einschränkungen wie „sofern verfügbar“ schwächen die Zusagen zusätzlich ab. Auch beim Ausschluss von Oktopussen und anderen Kopffüßern aus Aquakultur fehlen bislang umfassende und dauerhaft verbindliche Zusagen. Ein frühzeitiger Ausschluss könnte verhindern, dass sich ein entsprechender Markt überhaupt etabliert.
Wachsender Aquakulturmarkt macht verbindliche Zusagen wichtiger
Die Bedeutung von Aquakultur nimmt weltweit zu: 2024 stammten bereits mehr als 59 % der für den menschlichen Verzehr bestimmten Produktion von Fischen und anderen aquatischen Tieren aus Aquakultur. Insgesamt wurden 102,7 Millionen Tonnen Tiere in Aquakultur gehalten – dahinter stehen mehrere hundert Milliarden Fische, Krebstiere und Weichtiere. Für den deutschen Lebensmittelhandel ist diese Entwicklung besonders relevant: Der Selbstversorgungsgrad bei Fisch und Fischereierzeugnissen liegt in Deutschland bei weniger als 20 %. Mehr als vier Fünftel der verbrauchten Mengen kommen damit aus dem Ausland. Die Einkaufsentscheidungen deutscher Supermärkte und Discounter haben deshalb Einfluss auf Produktionsbedingungen weit über Deutschland hinaus.
Der Trend zum sogenannten White Meat Shift erhöht die Relevanz zusätzlich: Da Fische und andere aquatische Tiere deutlich kleiner sind als viele Landtiere, können bei einer Verlagerung des Konsums mehr einzelne Tiere betroffen sein. Die Reduzierung tierischer Produkte und der Ausbau attraktiver pflanzlicher Alternativen gehören deshalb ebenfalls zur Lösung.
Roadmap bis 2030: Standards absichern und pflanzliche Alternativen stärken
Die Albert Schweitzer Stiftung fordert die Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels auf, den bereits erreichten Stand verbindlich weiterzuentwickeln. „Der Handel muss nicht bei null anfangen“, sagt Esther Erhorn. „Die 96 % erkennbar zertifizierten Eigenmarken zeigen, wie weit die Branche bereits gekommen ist. Jetzt gilt es, aus diesem hohen Ist-Stand einen verbindlichen Standard für das gesamte Sortiment zu schaffen und gleichzeitig den nächsten Schritt hin zu weniger Tierprodukten zu gehen.“ Bis 2030 sollen Supermärkte und Discounter:
- 100 % zertifizierte Aquakulturware nach ASC, GGN, Naturland oder EU-Bio anbieten – bei Eigen- und Markenprodukten sowie in allen relevanten Sortimentsbereichen,
- die Einkaufsrichtlinien klar und verbindlich formulieren,
- Zertifizierungen auf den Produktverpackungen sichtbar machen,
- jährlich öffentlich über Fortschritte berichten,
- dauerhaft auf Oktopusse und andere Kopffüßer aus Aquakultur verzichten,
- sowie attraktive pflanzliche Alternativen ausbauen.
Damit würde aus dem bereits hohen Zertifizierungsstand bei Eigenmarken ein verbindlicher Standard für das gesamte Aquakultursortiment.