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Studie zu Ernährung, Flächenbedarf und Klima

Die weltweiten Ackerflächen werden knapp, der Klimawandel schreitet voran – und unsere Ernährung ist ein entscheidender Grund dafür. Der WWF hat in einer neuen Studie untersucht, wie sich verschiedene Ernährungsweisen auf unseren Flächenbedarf und die Klimaerhitzung auswirken. Das Ergebnis: Bei vegetarischer Ernährung würde sich unser Flächenbedarf um 46 % reduzieren, bei veganer Ernährung um fast 50 % und bei einer flexitarischen Ernährung immerhin um 18 %. Analog dazu nähmen auch die ernährungsbedingten Treibhausgas-Emissionen deutlich ab. Wir stellen die Ergebnisse der Studie vor.

Die Studie im Überblick

Die Basis der Studie, die der WWF Deutschland gemeinsam mit der corsus – corporate sustainability GmbH erstellt hat, ist der durchschnittliche Lebensmittelwarenkorb der VerbraucherInnen in Deutschland. Zunächst wurde berechnet, wie sich diese derzeitigen Essgewohnheiten auf den Flächenverbrauch und das Klima auswirken. In einem weiteren Schritt wurden sie mit den Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission verglichen. Diese Kommission aus 37 ExpertInnen hatte 2019 globale Empfehlungen für eine »Planetary Health Diet« vorgestellt, welche die ökologischen Grenzen der Erde nicht überschreitet und eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung gewährleistet.

Die »Planetary Health Diet« erfordert unter anderem, den Konsum von rotem Fleisch und Zucker zu reduzieren und auch deutlich weniger Butter, Sahne und Käse zu konsumieren. Die Versorgung mit Proteinen soll zu mindestens 75 % mit pflanzlichen Lebensmitteln sichergestellt werden.

Die Studie im Detail

Flächenverbrauch: Unser Fußabdruck ist zu groß

Einem Menschen standen im Jahr 1950 durchschnittlich 5.200 Quadratkilometer Ackerland zur Verfügung. Diese Fläche wird immer kleiner: Heute sind es nur noch knapp 2.000 Quadratkilometer. Bis 2050 wird die Fläche auf voraussichtlich 1.700 Quadratkilometer schrumpfen.

In Deutschland beträgt der durchschnittliche Flächenfußabdruck, den wir durch unsere Ernährung hinterlassen, aktuell etwas über 2.000 Quadratkilometer pro Person und Jahr. Wir verbrauchen also bereits jetzt mehr Fläche, als uns zur Verfügung steht – und zwar nur für unsere Ernährung. Pflanzen zur Energiegewinnung, für Textilien oder zur Erzeugung von Bioplastik und Stärke sollten eigentlich ebenfalls auf dieser Fläche Platz finden.

Unsere Ernährungsgewohnheiten sind eine große Stellschraube, mit der wir unseren Flächenfußabdruck deutlich verkleinern können: 75 % der Fläche, die wir für unsere Ernährung benötigen, wird für die Produktion von Fleisch und anderen tierischen Lebensmitteln genutzt. Der Anbau von Futtermitteln wie Mais, Soja und Weizen fällt dabei besonders schwer ins Gewicht.

Das Soja-Problem

Die VerbraucherInnen in Deutschland beanspruchen eine Fläche in der Größe des Bundeslandes Brandenburg allein für Soja, das für die Nahrungsmittelherstellung genutzt wird. Knapp 96 % davon sind Futtermittel für die Produktion tierischer Nahrungsmittel. Aus dem kleinen Rest werden pflanzliche Lebensmittel wie Tofu oder Sojaöl hergestellt.

Während das Soja für den menschlichen Verzehr vor allem aus Europa stammt, kommt das Soja für Futtermittel überwiegend aus Brasilien und den USA. Dieses Soja wird sehr häufig gentechnisch verändert. Höchst problematisch ist außerdem, dass die Gebiete, aus denen das Sojaschrot in die EU importiert wird, stark von Entwaldung betroffen sind. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 gingen allein in Brasilien 2.000 Quadratkilometer Wald verloren. Artenreiche Ökosysteme wie der Amazonas, das Pantanal oder der Cerrado sind durch den Sojaanbau stark gefährdet.

Wie verändert sich der Flächenbedarf bei einer veränderten Ernährungsweise?

Die Studie des WWF zeigt, dass eine Ernährungsumstellung unseren Flächenfußbabdruck deutlich verkleinern würde. Würden alle Menschen in Deutschland auf eine flexitarische Ernährung gemäß der EAT Lancet-Empfehlungen umsteigen, würde sich die Flächennutzung bereits um 18 % reduzieren. Bei vegetarischer bzw. veganer Ernährung beliefe sich das Einsparpotenzial sogar auf 46 % bzw. 50 %.

In allen drei Ernährungsszenarien werden die 2.000 Quadratmeter Ackerfläche, die jedem Menschen auf der Erde aktuell zur Verfügung stehen, nicht überschritten. Die AutorInnen des Berichts betonen aber, dass insbesondere die Szenarien für vegetarische und vegane Ernährung wichtige Spielräume eröffnen: »nicht nur für andere Nutzungsformen, sondern auch für eine nachhaltigere landwirtschaftliche Produktion wie den ökologischen Landbau. In beiden Szenarien bleibt der Ackerflächenbedarf sogar unter dem durchschnittlichen noch vorhandenen Flächenangebot von 1.700 Quadratmetern im Jahr 2050.«

Klimawandel

Laut dem Klimaschutzabkommen von Paris soll die Erderhitzung bis zum Jahr 2100 auf unter 2 Grad Celsius begrenzt werden – möglichst auf maximal 1,5 Grad. Welche großen Unterschiede allein zwischen 2 und 1,5 Grad liegen, macht die Studie deutlich:

1,5 Grad Erhitzung 2 Grad Erhitzung
100 % höheres Hochwasserrisiko 170 % höheres Hochwasserrisiko
alle 100 Jahre ein eisfreier Sommer in der Arktis alle 10 Jahre ein eisfreier Sommer in der Arktis
70-90 % der Korallen verschwinden 99 % der Korallen verschwinden
1 Milliarde Menschen leiden alle fünf Jahre unter extremen Hitzewellen 2,7 Milliarden Menschen leiden alle fünf Jahre unter extremer Hitze

Aktuell gilt sogar ein globaler Temperaturanstieg von 3 bis 4 Grad als wahrscheinlich, wenn nicht endlich gegengesteuert wird.

Und wie lässt sich gegensteuern? Da lässt die Studie keinen Zweifel: »Wir werden die Klimaziele nicht erreichen ohne eine klimafreundlichere Landwirtschaft und eine Veränderung unserer Ernährungsgewohnheiten. Beides ist untrennbar miteinander verknüpft.«

Das Treibhausgaspotenzial tierischer und pflanzlicher Lebensmittel

Circa 25 % des Klimafußabdrucks einer durchschnittlichen, in Deutschland lebenden Person entfällt auf ihre Ernährung. Den größten Anteil davon (69 %) machen tierische Produkte aus. Dabei ist vor allem Fleisch zu nennen – am klimaschädlichsten ist Rindfleisch – doch laut WWF sollten auch Molkereiprodukte hier verstärkt in den Blick genommen werden. Die meisten pflanzlichen Lebensmittel haben dagegen einen sehr kleinen Klimafußabdruck. Kartoffeln, Tofu, Gurken, Tomaten, Spinat, Karotten und Zwiebeln gehören laut der Studie zu den klimafreundlichsten Lebensmitteln.

Wie verändert sich das Treibhausgaspotenzial bei einer veränderten Ernährungsweise?

Würden wir uns in Deutschland gemäß den EAT-Lancet-Empfehlungen ernähren, würde sich nicht nur unser Flächenfußabdruck verkleinern. Auch die Treibhausgasemissionen würden zurückgehen: Bei einer flexitarischen Ernährung um 27 % und bei einer vegetarischen bzw. veganen Ernährung sogar um 47 % bzw. 48 %.

Forderungen an die Wirtschaft

Der WWF betont in seinem Bericht, dass Unternehmen ihr Handeln künftig ganz klar und nachweislich an den planetaren Grenzen ausrichten müssen. Zu den Forderungen gehören:

  • verbindliche Nachhaltigkeitskriterien für alle Rohstoffe
  • deutliche Kennzeichnungen am Produkt
  • Aufbau eines verantwortungsvollen Lieferketten-Managements inkl. Monitoring- und Reportingmechanismen
  • Einsatz von 100 % zertifiziertem Soja (gentechnik- und entwaldungsfrei)
  • Einsatz von 100 % zertifiziertem Palmöl
  • Einsatz von 100 % zertifiziertem Kakao

Fazit

»Unsere gegenwärtigen Ernährungssysteme stellen eine der größten Herausforderungen für unseren Planeten und das Fortbestehen der Menschheit auf der Erde dar«, heißt es in der WWF-Studie. Sie zeigt deutlich, dass die Zeit des Zögerns und Hinhaltens vorbei ist. Deutschland muss als Mitverursacher der globalen Ernährungskrise jetzt handeln und mit einem ernährungspolitischen Gesamtkonzept den Wandel gestalten. Dabei müssen alle an einem Strang ziehen: Die Politik mit einer ressortübergreifenden Ernährungsstrategie, die Wirtschaft mit nachhaltigem Handeln und die VerbraucherInnen mit einer klimafreundlichen Ernährungsweise.