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Supermärkte im Tierschutz-Ranking

In unserem aktuellen Tierschutz-Ranking haben wir erneut die größten deutschen Supermärkte und Discounter auf den Prüfstand gestellt: Welche Tierschutzrichtlinien haben die Unternehmen? Welche Ziele haben sie sich gesetzt? Wer hat sich seit unserem letzten Ranking im Jahr 2020 weiterentwickelt?

Punkte sammeln konnten die Unternehmen mit ihren Tierschutzrichtlinien, die wir genau unter die Lupe genommen und mit unseren Bewertungskriterien verglichen haben. Unser Fokus lag auf den detaillierten Vorgaben für die verschiedenen Tiergruppen. Themenschwerpunkte waren der Ausstieg aus den »Haltungsform«-Stufen 1 und 2 sowie Tierschutz-Fortschritte für Masthühner. Erweitert haben wir die Bewertung um Best-Practice-Standards für aussagekräftige, präzise formulierte und ambitionierte Tierschutz-Policies.

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Einzelne Inhalte:

Die Ergebnisse im Überblick

Ranking-Grafik Überblick

In diesem Jahr gibt es keinen so klaren Vorreiter wie noch 2020: Die ersten sechs Unternehmen erreichen alle zwischen 31 % und 36 % der möglichen Punkte. Aldi Süd und Aldi Nord nehmen mit 36 % die ersten Positionen ein, Tegut schließt sich mit 35 % an.

Die deutlichsten Veränderungen in der Wertung gibt es bei Tegut und Globus. Tegut hatte 2020 noch mit 52 % der möglichen Punkte alle Mitbewerber hinter sich gelassen. Globus klettert vom letzten Platz auf Rang fünf.

Neben Globus landen Kaufland, die Rewe Group und Norma im Mittelfeld. Mehrere Plätze verloren hat Lidl. Die Schlusslichter sind Edeka, Netto und Bela, die bereits 2020 im unteren Drittel der Wertung lagen. Insgesamt zeigt sich leider, dass die Entwicklung hin zu besserem Tierschutz trotz deutlicher Bemühungen vieler Unternehmen weiterhin zu langsam voranschreitet.

Die Ergebnisse der Unternehmen im Detail

Wie die Unternehmen bei den einzelnen bewerteten Themen im Detail abgeschnitten haben, erfahren Sie in unserem Reader.

Die Führung des Rankings übernehmen in diesem Jahr Aldi Süd und Aldi Nord – beide erreichen mit jeweils 36 % allerdings nur ein gutes Drittel der möglichen Punkte. Die Unternehmen konnten ihre Wertung um gut zehn Prozentpunkte verbessern, weisen jedoch erneut nur einen geringen Vorsprung gegenüber den nächstplatzierten Unternehmen auf. Punkten kann Aldi u. a. mit dem Beitritt zur Europäischen Masthuhn-Initiative und der dazugehörigen Lieferkettenumstellung. Bei den Tierschutzrichtlinien für Legehennen, Küken und Junghennen stellen die beiden Unternehmen ihre Eigenmarkenprodukte auf KAT-Standards um und berichten transparent darüber. Gute Fortschritte machen sie zudem bei der Umstellung auf ITA-konforme Zertifizierungen für Tiere aus Aquakultur und bei der Zertifizierung von Tieren aus Wildfang.

Außerdem haben Aldi Süd und Aldi Nord angekündigt, bis 2030 komplett aus den besonders tierschutzproblematischen »Haltungsform«-Stufen 1 und 2 auszusteigen, und sind bei der Umsetzung den gesetzten Zwischenzielen bereits voraus. Sie formulieren auch erste kleine Schritte für die Protein-Diversifikation – bei diesem Thema sind andere Händler im In- und Ausland allerdings schon deutlich besser aufgestellt.

Tegut schreitet mit der Umsetzung der Europäischen Masthuhn-Initiative gut voran und das Ziel der vollständigen Umsetzung des Commitments bis 2025 bleibt realistisch. Eine Stärke des Unternehmens sind darüber hinaus die teilweise umfassenden Vorgaben für einzelne Eigenmarken. Durch den häufig eingeschränkten Geltungsbereich – einzelne Eigenmarken und Bio – gab es jedoch nur Teilpunkte. Eine Ausnahme bildet hier die Negativliste mit ihrem traditionell breiteren Geltungsbereich, womit sich Tegut jedoch nicht wesentlich von den anderen Unternehmen abhebt und wo ebenfalls noch viel Luft nach oben ist, u. a. beim klaren Ausschluss des Kükentötens bei Schaleneiern und verarbeiteten Eiern in Eigenmarkenprodukten.

In anderen Bereichen ist die Entwicklung weniger zufriedenstellend. 2020 hatte Tegut besonders mit seinen relativ umfassenden und konkreten Vorgaben für alle Tierarten Punkte gesammelt. Das ist aktuell bei z. B. Gänsen und Enten nicht mehr der Fall. Auch bei den übergeordneten Themen kann Tegut nicht punkten. Fortschrittlichkeit lässt das Unternehmen ebenfalls beim Umstieg auf KAT-Standards für Eigenmarkenprodukte und einem konkreten, anspruchsvollen Ziel zur Protein-Diversifikation vermissen. Tegut ist damit im Ranking prozentual der größte Verlierer, hat seine Vorreiterrolle verloren und muss jetzt sogar aufpassen, nicht abgehängt zu werden.

Kaufland hat sein Gesamtergebnis leicht verbessert. Positiv zu bewerten ist der weite Geltungsbereich bei vielen Haltungsvorgaben.

Den größten Mangel sehen wir im noch immer ausstehenden Beitritt zur Europäischen Masthuhn-Initiative. Auch beim Schutz von Fischen und anderen Wassertieren droht Kaufland hinter die Konkurrenz zurückzufallen. Offensichtliche Schwachstellen gibt es darüber hinaus bei der Umstellung der Eigenmarkenprodukte auf KAT-Standards und bei der Protein-Diversifikation. Das Unternehmen ist zwar Teil des »Haltungsform«-Programms, fällt allerdings bei Zielsetzung und Umstellung auf die Stufen 3 und 4 weitgehend hinter die Konkurrenz zurück.

Globus hat einen beachtlichen Sprung gemacht. In der Gesamtwertung landet der Supermarkt nur knapp hinter den ersten vier Unternehmen. Dies liegt vor allem an der erstmaligen Veröffentlichung einer expliziten und gesonderten Tierschutz-Policy. So wurden viele bereits geltende Vorgaben überhaupt erst für die VerbraucherInnen transparent gemacht und konnten damit bepunktet werden.

Globus ist 2021 als zweiter deutscher Lebensmitteleinzelhändler der Europäischen Masthuhn-Initiative beigetreten und war eines der ersten Unternehmen in Deutschland, die Hühnereier aus Käfighaltung komplett ausgelistet haben. Auch in fast allen sonstigen bewerteten Kategorien hat Globus deutlich zugelegt. Hohe Werte gab es beispielsweise für die Negativliste (71 %).

Negativ fällt auf, dass sich Globus bisher weder Ziele zur Abkehr vom gesetzlichen Mindeststandard bei Eigenmarkenprodukten (vergleichbar mit einem Ausstieg aus den »Haltungsform«-Stufen 1 und 2) noch bezüglich eines ambitionierten Shifts in Richtung pflanzlicher Proteine gesetzt hat.

Die Rewe Group kommt wie Globus auf 31 %. Mit der vollen Unterstützung der Europäischen Masthuhn-Initiative und der Umstellung auf entsprechende Produkte hätte Rewe einige Plätze gut machen können.

In den Tierschutzrichtlinien der Rewe Group sticht beispielsweise der recht hohe Wert bei den Milchkühen positiv hervor. In Bezug auf die Negativliste steht der Supermarkt ebenfalls recht gut da, wobei es jedoch u. a. noch am vollständigen und tierschutzfreundlichen Ausstieg aus dem Kükentöten (Schaleneier und verarbeitete Eier in Eigenmarken) mangelt. Positiv haben wir die geplante Auslistung der »Haltungsform«-Stufen 1 und 2 sowie die Fortschritte bei Standards für Fische notiert – bei beiden Themen liegen aber Aldi Nord und Aldi Süd vorn.

Norma konnte seit 2020 einen Platz gut machen und in der Gesamtwertung sein Ergebnis knapp verdoppeln. Das Unternehmen ist sehr früh der Europäischen Masthuhn-Initiative beigetreten. Es kommt bei den Tierschutzrichtlinien für die meisten Tierarten aber leider nur auf Werte im einstelligen Bereich.

Positiv heben sich die Richtlinien für Milchkühe und Kaninchen ab. Auch in den Bereichen »käfigfrei« sowie beim Verzicht auf Schnabelkürzen und Kükentöten und bei ersten Zielsetzungen zur Protein-Diversifikation ist Norma vorne mit dabei. Negativ steht dem gegenüber, dass das Unternehmen keine Ziele zur Abkehr vom gesetzlichen Mindeststandard bei Eigenmarkenprodukten (vergleichbar mit einem Ausstieg aus den »Haltungsform«-Stufen 1 und 2) veröffentlicht hat. Viel Luft nach oben gibt es auch bei der Eigenmarkenumstellung auf KAT-Standards.

Lidl ist mehrere Plätze abgerutscht. Besonders kritisieren wir, dass der Discounter sich nach wie vor weigert, der Europäischen Masthuhn-Initiative beizutreten.

Ein positiver Aspekt ist die für den deutschen Markt fortschrittliche Strategie der Protein-Diversifikation, mit der sich das Unternehmen in diesem wichtigen Bereich ganz an die Spitze gesetzt hat. So soll der Anteil pflanzlicher Proteine bei dem Discounter bis 2030 auf 20 % steigen. Die meisten pflanzlichen Produkte der Eigenmarke Vemondo werden zudem preislich den entsprechenden Tierprodukten angepasst.

Lidl nimmt an dem durch das Unternehmen selbst mit ins Leben gerufenen »Haltungsform«-Programm teil – hat jedoch bisher nur für Stufe 1 ein verbindliches Ziel formuliert, nicht aber für den Ausstieg aus Stufe 2 für alle Tierarten. Dies ist bedauerlich, da eine wirkliche Chance für die Anhebung der Mindeststandards nur gegeben ist, wenn die Händler mit allen Tierprodukten aus den beiden schlechtesten Stufen aussteigen.

Bei den Tierschutzrichtlinien und der Negativliste liegt der Discounter insgesamt weitgehend gleichauf mit Rewe und Norma. Nachholbedarf besteht hier u. a. beim allgemeinen Ausschluss des Schnabelkürzens und der Eigenmarkenumstellung auf KAT-Standards.

Trotz einer Verbesserung des Ergebnisses um gut sechs Prozentpunkte rutscht Edeka aus dem Mittelfeld um mehrere Plätze nach unten. Entscheidend dazu beigetragen hat auch hier, dass der Einzelhändler noch nicht die Europäische Masthuhn-Initiative unterzeichnet hat – und dass die Konkurrenz auch bei anderen Themen teilweise deutlich ambitionierter vorangeht.

Das Unternehmen ist zwar Mitglied des »Haltungsform«-Programms, liegt beim Ausstieg aus den besonders problematischen Stufen 1 und 2 aber noch weit zurück. Bei den Tierschutzrichtlinien reichen die Werte von 0 % bei Mastgänsen und Mastenten bis zu 43 % bei Milchkühen. Der überwiegend geringe Geltungsbereich schränkt Edekas Punkte ein: Oft bietet der Supermarkt nur lokal begrenzte Programme und Label an. Mehr Punkte könnte das Unternehmen mit Vorgaben für die gesamte Sortimentsbreite sammeln, vor allem für alle Eigenmarken. Besonders großen Nachholbedarf hat das Unternehmen beim Ausstieg aus dem Kükentöten.

Den vorletzten Platz belegt mit 15 % Netto. Damit liegt der Discounter wie auch 2020 knapp vor Bela. Beim letzten Ranking stellten insbesondere die fehlenden aussagekräftigen und vollständigen Tierschutzrichtlinien ein großes Minus dar. Hier hat Netto nur wenig nachgebessert. Eine positive Ausnahme sind die Richtlinien für Milchkühe. Leicht punkten kann Netto auch mit seiner Zielsetzung zum Ausstieg aus der »Haltungsform«-Stufe 1, wobei der Discounter bei der so wichtigen Auslistung von Produkten der Stufe 2 deutlich schwächer aufgestellt ist als die Mitbewerber. Insgesamt sehen wir bei Netto weiterhin sehr großen Nachholbedarf. Das Gesamtergebnis ist enttäuschend.
Bela lag 2020 noch an vorletzter Stelle vor Globus, nimmt nun aber durch dessen großen Sprung nach vorn den letzten Platz ein. Wir können gegenüber 2020 kaum Verbesserungen feststellen. Abgesehen von einigen Ausnahmen verfügt das Unternehmen weiterhin über viel zu wenige konkrete und umfassende Vorgaben. Es nimmt weder am »Haltungsform«-Programm teil, noch hat es äquivalente Ziele zur Abkehr vom gesetzlichen Mindeststandard bei Eigenmarkenprodukten formuliert – und auch bei der Negativliste steht es mit Abstand an letzter Stelle. Wirklich positive Aspekte können wir hier keine finden.

Schlaglichter

Bessere Mindeststandards für Masthühner

Mit 600 Millionen Tieren jährlich machen Masthühner 84 % der in Deutschland gemästeten und geschlachteten Landtiere aus. Der Beitritt zur Europäischen Masthuhn-Initiative und die damit verbundene Anhebung der Mindeststandards bieten damit ein enormes Potenzial der Leidminderung. Seit dem letzten Ranking hat sich hier einiges getan. Fünf der elf gerankten Unternehmen haben sich der Initiative angeschlossen und befinden sich in der Umstellung.

Um den Fortschritt bei der Lieferkettenumstellung sichtbar zu machen, sind detaillierte, öffentliche Fortschrittsberichte unabdingbar. Hier stechen Aldi Süd und Aldi Nord als einzige Unternehmen positiv hervor. Während andere Einzelhändler bislang nicht in der Lage oder willens sind, den Fortschritt ihrer Umstellung detailliert zu kommunizieren, liefern Aldi Nord und Aldi Süd gute Beispiele für transparente Berichte mit belastbaren Zahlen: Sie kommunizieren die bisher erreichte prozentuale Umstellung (siehe Detailgrafik), aufgeschlüsselt nach den Kriterien der Masthuhn-Initiative. Im diesjährigen Ranking haben wir den prozentualen Fortschritt noch nicht in die Punktewertung aufgenommen, werden zukünftig aber ein größeres Gewicht darauf legen.

Der restliche LEH, allen voran die Branchengrößen Lidl und Edeka, muss sich jetzt ebenfalls bewegen, um Tierschutz nicht nur zu versprechen, sondern auch umzusetzen.

Ausstieg aus den Stufen 1 und 2 der »Haltungsform«-Kennzeichnung

Eines der zentralen Tierschutzthemen bei den Einzelhändlern und eine weit verbreitete Branchenlösung ist die »Haltungsform«. Aus Tierschutzsicht sind die untersten Stufen 1 und 2 fraglos problematisch und erst Stufe 3 beinhaltet merkliche Verbesserungen für die Tiere. 2020 lautete unsere Forderung, mindestens aus Stufe 1 auszusteigen – dafür hatten damals lediglich Lidl, Kaufland und Rewe immerhin unverbindliche Ziele formuliert. Vier Jahre später haben Aldi Nord und Aldi Süd die konkretesten Ziele für den Ausstieg aus Stufe 2 veröffentlicht und berichten öffentlich den größten Umstellungsfortschritt auf die Stufen 3 und 4 (siehe Detailgrafik). Weitere Händler haben unverbindlichere oder weniger umfassende Pläne. Drei der untersuchten Unternehmen (Tegut, Globus, Norma) nehmen weiterhin weder am »Haltungsform«-Programm teil, noch haben sie äquivalente, eigene Auslistungspläne für die gesetzlichen Mindeststandards veröffentlicht.

Neben der zügigen und umfassenden Auslistung der Stufen 1 und 2 sind aus Tierschutzsicht bei der »Haltungsform« in den nächsten Jahre zwei Aspekte besonders wichtig: Die Standards für die Stufen 3 und 4 müssen auf alle relevanten Tierarten ausgeweitet sowie insgesamt angehoben werden. Dass die aktuellen »Haltungsform«-Kriterien nur ein Anfang sein können, zeigt ihr Vergleich mit den Bewertungskriterien in unserer Analyse: Nur wenige der vielen tierschutzrelevanten Aspekte unserer Kriterien werden von den Vorgaben der »Haltungsform« erfüllt; in diesen Fällen haben die Unternehmen entsprechende Punkte erhalten.

Wir werden die Entwicklungen bei den Händlern und die inhaltliche Verbesserung der »Haltungsform«-Vorgaben weiter im Auge behalten.

Weitere Fokusthemen

Weitere Informationen zu den Fokusthemen finden Sie im ausführlichen Reader.

Seit 2017 dürfen keine Junghennen mit gekürzten Schnäbeln mehr eingestallt werden. Trotzdem führen unzureichende Haltungsbedingungen weiterhin zu Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus. Es kommt hier darauf an, dass nicht nur Schaleneier unter besseren Standards (beispielsweise KAT) produziert werden, sondern auch Eier in Eigenmarkenprodukten. Nur drei Unternehmen (Aldi Süd, Aldi Nord, Globus) arbeiten aktiv an der Umstellung dieser verarbeiteten Eier auf KAT-Standards.
Seit 2021 dürfen Ferkel nur noch mit Betäubung kastriert werden. Trotzdem werden die aus unserer Sicht besten Alternativen – Immunokastration und Ebermast – bisher noch selten angewendet. Nur fünf der elf untersuchten Unternehmen haben hierzu in ihren Einkaufsrichtlinien Stellung bezogen. Norma befürwortet die Immunokastration zur schrittweisen Abschaffung der herkömmlichen Kastration, während Lidl Vereinbarungen zur Ebermast für Frischfleisch getroffen hat. Kaufland setzt teilweise bereits Jungebermast und Immunokastration um.
Die gängige Putenmast gehört zu den grausamsten Haltungsformen überhaupt. Bisher gibt es für die Haltung von Puten in Deutschland keine verbindlichen gesetzlichen Vorschriften, sondern ausschließlich eine freiwillige Vereinbarung der MästerInnen. Diese wurde im April 2024 vom Verwaltungsgerichtshof in Mannheim als tierschutzwidrig eingestuft und ist damit noch weit weg von akzeptablen Haltungsbedingungen. Eine Verbesserung der Putenhaltung müsste mit umfassenden Veränderungen einhergehen, beispielsweise einer deutlich geringeren Besatzdichte, einem Ende des Schnabelkürzens sowie dem Angebot von Rückzugsmöglichkeiten, Beschäftigungsmaterial und Sitzstangen für die Tiere. Dies wäre mit sehr starken Kostensteigerungen verbunden. Eine tierschutzgerechte, wirtschaftliche Putenmast ist deshalb aus unserer Sicht nicht möglich. Der Handel könnte durch das Auslisten von Putenfleisch ein starkes Signal setzen und Tierleid vermeiden, jedoch hat keiner der untersuchten Supermärkte und Discounter bisher entsprechende Maßnahmen angekündigt.
Seit 2018 stehen wir mit weiten Teilen des LEH im Austausch darüber, wie sich Tierschutzstandards in Aquakulturen schaffen und erhöhen lassen. Daraus ist der Initiativkreis Tierschutzstandards Aquakultur (ITA) entstanden, in dem bereits Aldi Nord, Aldi Süd, Lidl, die Rewe Group sowie Edeka Südwest und Kaufland vertreten sind. Insbesondere die vier erstgenannten Unternehmen sind weit vorangeschritten in der Umstellung auf ITA-konforme Zertifizierungen für Tiere aus Aquakultur und der Zertifizierung von Tieren aus Wildfang – und kommunizieren das relativ detailliert und transparent in ihren Tierschutzrichtlinien. Schwächen sehen wir bei allen Unternehmen im Bereich wirksamer Strategien für die Beifangvermeidung.
Als positive Auswirkung der Negativlisten sehen wir beispielsweise, dass sich »käfigfrei« auch bei Produkten durchsetzt, die verarbeitete Eier enthalten. Zu wenig konkrete und weitreichende Vorgaben gibt es dagegen bislang bei Aspekten wie dem Ausschluss des Verkaufs von Hummern, Haifischen und Cephalopoden wie Oktopussen und dem vollständigen Ausschluss des Lebendverkaufs.
Das Bewusstsein der VerbraucherInnen für den Einfluss tierischer Produkte auf Umwelt und Gesundheit steigt – und der LEH ist gut beraten, sich im Bereich alternativer, pflanzlicher Proteine ambitioniert und zukunftsweisend aufzustellen. Während Lidl hier mit seinen verhältnismäßig weitreichenden Zielen und Maßnahmen bereits auf einem guten Weg ist, haben die meisten anderen Händler das große Potenzial offenbar noch nicht erkannt.
In diesem Jahr haben wir den Supermärkten und Discountern erstmals auch einen Best-Practice-Leitfaden für ihre Richtlinien zum Tierschutz an die Hand gegeben. Eine konsequente Umsetzung der Empfehlungen schafft eine gute Basis für wirkliche Fortschritte im Tierschutz. Aktuell enthalten viele Policies eher Marketing-Aussagen, als dass sie spezifische Indikatoren, konkrete Maßnahmen und transparentes Reporting vorgeben.

Allgemeine Best-Practice-Empfehlungen für gute Tierschutz-Vorgaben

  • Verstehen Sie die Tierschutz-Policy Ihres Unternehmens als aktives Management-Werkzeug.
  • Legen Sie die Verantwortlichkeit für Tierschutz im Unternehmen auf Ebene der Geschäftsleitung oder darunter liegender operativer Ebene fest.
  • Stellen Sie sicher, dass die Standards Ihrer Tierschutz-Policy über dem gesetzlichen Standard liegen.
  • Legen Sie fest, dass Sie nur Produkte importieren, die mindestens die Standards des deutschen Tierschutzrechts erfüllen.
  • Legen Sie Ihrer Tierschutz-Policy die Fünf Maßnahmen und Tierschutzziele zugrunde.
  • Formulieren Sie Ziele und dokumentieren Sie durch Ihre Kriterien, Indikatoren und Ihr regelmäßiges Reporting die Ergebnisse Ihres Engagements für das gesteigerte Wohlergehen der Tiere in Ihrer Lieferkette.
  • Aktualisieren Sie mindestens alle zwei Jahre Ihre Policy.

Vorgaben und Reporting guter Tierschutz-Policies

  • basieren auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zum Tierschutz,
  • enthalten Informationen zum Geltungsbereich (Eigen- bzw. Herstellermarken, Produkte, Region, Tierarten, Lieferverträge, Sortimentsanteile),
  • enthalten klare und wirksame Monitoring- und Audit-Vorgaben wie z. B. regelmäßige, auch unangekündigte Kontrollen durch unabhängige Dritte,
  • werden begleitet durch regelmäßige und öffentliche Berichte – das Performance-Reporting beinhaltet dabei Informationen zum Stand der Vorgaben, zu formulierten Zielen, zu bereits erreichten Zielen und Sortimentsanteilen sowie spezifische und anerkannte Tierschutzindikatoren für das Wohlergehen der Tiere, anhand derer die Ergebnisse gemessen, evaluiert und somit verbessert werden,
  • enthalten klare Aktionspläne für den Fall, dass das eigene Unternehmen oder Unternehmen der Lieferkette gegen die Vorgaben der Tierschutz-Policy verstoßen,
  • machen deutlich, dass und wie die Beteiligten Ihrer Lieferkette in die Erfüllung der Vorgaben einbezogen werden.

Erfolgreiche Selbstverpflichtungen sind

  • klar definiert,
  • umfassend statt partiell (z. B. genereller Verzicht auf zootechnische Eingriffe statt Verbot eines einzelnen derartigen Eingriffs),
  • mit Geltungsbereich versehen.

Die Formulierungen in der Policy

  • sind dabei konkret, präzise und verbindlich,
  • sind in verständlicher Sprache verfasst,
  • verzichten auf Unklarheiten oder vage Aussagen,
  • sind öffentlich und in einem datierten Dokument auf der Webseite Ihres Unternehmens auffindbar,
  • machen deutlich, ob es sich um bereits implementierte Standards oder Ziele handelt.

Spezifische Selbstverpflichtungen zu allen relevanten Tierschutzthemen enthalten für alle verwendeten Tiergruppen konkrete Vorgaben zu

  • Haltungsstandards,
  • Managementmaßnahmen,
  • Zucht,
  • Standards für Betäubung und Schlachtung.

Nehmen Sie eine Negativliste auf, die alle Produkte und Produktionsmethoden abdeckt, die Sie ausschließen.

Gute Ziele formulieren mindestens

  • ein oder mehrere konkrete angestrebte Ergebnisse,
  • Zeitvorgaben,
  • Maßnahmen bzw. eine Beschreibung, wie das Ziel erreicht werden soll (z. B. Fahrplan mit Zwischenschritten).

Unser Fazit

KonsumentInnen fordern besseren Tierschutz. Sie wollen wissen, unter welchen Bedingungen Tiere gelebt haben und geschlachtet wurden. Die meisten von ihnen sind bereit, für mehr Tierschutz mehr zu zahlen, und wünschen sich strengere Gesetze. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Politik dem Handel folgt. Das unterstreicht die große Verantwortung der Einzelhändler.

Dieser Verantwortung sind sich einige Unternehmen im LEH bereits bewusst. Sie haben erkannt, dass ihr Engagement wichtig ist. Leider spiegelt sich die mit der Größe des Einzelhändlers steigende Verantwortung in unseren Ergebnissen nicht ausreichend wider. Insgesamt mangelt es in vielen Bereichen noch immer an klaren Zielvorgaben und der verbindlichen Umsetzung bereits formulierter Ziele und Vereinbarungen. Wir werden die Unternehmen auch zukünftig regelmäßig an ihre Verantwortung erinnern und sie an ihren Aussagen messen.

So haben wir bewertet

Grundlage der Bewertung sind die Tierschutz-Policies der ausgewählten LEH-Unternehmen, die im Dezember 2023 öffentlich zugänglich waren. Die Unternehmen hatten vor Beginn der Auswertung die Gelegenheit, von uns recherchierte Quellen mit weiteren öffentlichen Inhalten zu ergänzen.

Die Unternehmen konnten Punkte in folgenden Bereichen sammeln:

  1. Tierschutzrichtlinien für elf Tiergruppen
  2. Negativliste
  3. Übergeordnete Themen

Die Themenbereiche wurden in Abhängigkeit von zwei Faktoren (dem jährlichen deutschlandweiten Umsatz mit einer Tiergruppe sowie den Schlachtzahlen) gewichtet.

Bewertet wurden die Stärke und Umsetzung der in den Richtlinien beschriebenen Maßnahmen (für umfassende, vollständig umgesetzte Maßnahmen gab es die volle Punktzahl) sowie der Geltungsbereich: Die meisten Punkte erhielten die Richtlinien, die das gesamte Sortiment aus Eigen- und Herstellermarken abdecken. Das Gesamtergebnis eines Unternehmens pro Thema (in %) stellt das Verhältnis zur möglichen Gesamtpunktzahl dar.

Detaillierte Informationen zu unserer Methodik finden Sie im Reader zum Ranking.

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